Alles begann mit Karoline

Wo wir herkommen

Es begann mit einer Frau und einem toleranten Kurfürsten. Nicht dass es keine protestantischen Regungen im alten Herzogtum Bayern gegeben hat. Aber die Fürsten durften seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 die Konfession der Untertanen bestimmen und das taten die bayerischen Herzöge so konsequent, dass viele protestantisch Gesonnene vom Recht Gebrauch machten, wenigstens auswandern zu dürfen. Der Münchener Magistrat beklagte sich hin und wieder über die negativen wirtschaftlichen Folgen.

1799 aber kam mit Max IV Josef ein neuer Kurfürst aus der pfälzischen Linie der Wittelsbacher an die Regierung. Er war tolerant, seine Frau Karoline war evangelisch und sie brachte einen eigenen - protestantischen! - Hofprediger, Dr. Ludwig Schmidt, nach Nymphenburg. Evangelisches Leben in Südbayern begann bezeichnenderweise mit einer Hofgemeinde.

Auch später lag der soziale Status der meist von außen zugezogenen Protestanten oft deutlich über dem Durchschnitt. Auch der kulturelle Beitrag der „Nordlichter“, die später nach München geholt wurden, ist beachtlich. Karoline holte aber auch arme evangelische Siedler aus der Pfalz in die bayerischen Moore. Erst die dritte Generation hatte Chancen auf ein akzeptables Auskommen. Es entstand auch bald ein protestantischer Mittelstand. Schon 1848 wurde der evangelische Handwerkerverein in München gegründet. Dann verhalf Napoleon Max zur Königkrone und zu Franken, Schwaben und einigen reichsunmittelbaren Städten. Er nannte sich nun Max I und verfügte plötzlich über eine Menge evangelischer Untertanen. Viele holte er nach Süden - vor allem tüchtige Beamte aus dem Fränkischen. Carolinie war beliebt und geschätzt: „Steht dir die Not bis obenhin, so gehst du zur Carolin“.

Ihre „Nachfahren“ sind so etwas wie „alteingesessene“ bayerische Protestanten. Man erkennt sie häufig daran, dass sie der Landessprache mächtig sind. Später gab es weitere große Zuzugswellen von Evangelischen: Zunächst durch die Flüchtlinge der Nachkriegsjahre und danach in den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs, als z.B. Siemens von Berlin nach München umzog.

 

Protestantismus mit vielen Gesichtern

Man merkt es dem südbayerischen Protestantismus an: Er ist nicht aus einem Guss. Da ist etwas „carolinische Tradition“ (Diesen Namen gibt es in der Schreibweise mit C und mit K. „Karoline“ dürfte die gebräuchlichere sein.). Da ist die Vitalität der später Zugezogenen und das Fremdeln der „anderen“: Mancher, der aus einer reformierten Tradition in einen gut lutherischen Gottesdienst kam, meinte zuerst verblüfft, er sei in einer katholischen Kirche gelandet. Diese Vielfalt ist ein großes, kreatives Potential an Gaben und Möglichkeiten. Was ihr fehlt ist aber die heimatliche Verwurzelung, die mit einer langen Tradition verbunden ist. Die Kirchenbindung ist lockerer, als beispielsweise in den traditionellen evangelischen Gebieten Frankens.

Ein steiniger Weg zur Ökumene

Bis zu ihrem Tod hatte Königin Karoline Probleme mit einem kämpferischen Katholizismus. Ihr Sarg wurde vor der Theatinerkirche abgestellt. Von Mönchen in ziviler Kleidung wurde sie ohne Gebet und Segen, Gesang und Kerzen in die Gruft getragen. Heute würde das nicht mehr passieren. Das ökumenische Klima ist herzlich geworden. Man sieht: Es wird keineswegs alles schlechter! Wir haben alle Chancen, in ökumenischer Herzlichkeit und evangelischer Freiheit protestantisches Profil zu zeigen.


Ulrich Finke

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