Ein neues Dekanat – na und?

Eine Region wächst. Die Landeskirche gründet in ihrer Weisheit ein neues Dekanat und alle sind zufrieden. So hätte es sein können. War es aber nicht . Dekanatsgründungen können schwere Geburten sein und nicht immer kommt es zu Ideallösungen. So auch hier.

Eine Region „explodiert“

Für die Region München war 1972 ein magisches Jahr - das Jahr der Olympischen Spiele. Das Straßennetz wurde ausgebaut, U- und S-Bahnlinien wurden geplant. Schon lange vorher war abzusehen, dass die Regionen im Westen Münchens S-Bahn – Anschluss erhalten würden. Ein mächtiger Zuzug setzte ein, in bislang verträumten Dörfern wurden Hochhaussiedlungen geplant. Entsprechend wuchs die Kirchengemeinde Fürstenfeldbruck. 1970 zählte sie fünf Pfarrstellen. Die heute selbständigen Gemeinden Eichenau, Fürstenfeldbruck-Gnadenkirche und die ausgedehnten Diasporagebiete von Grafrath und Olching gehörten zu ihr. Puchheim gehörte damals noch zu Gröbenzell und dieses wiederum – wie auch Germering – zum Prodekanat München – West, heute Südwest.  

Geburtswehen

In dieser Zeit reifte der Plan, ein eigenes Dekanat Fürstenfeldbruck einzurichten. Treibende Kräfte waren Pfr. Dr. Wolfgang Höhne und Pfarrer Peter Morgenroth, Puchheim. Pfarrer. Dr. Höhne war 5. Pfarrer an der evangelischen Kirche in Fürstenfeldbruck (den Namen Erlöserkirche bekam sie erst später), wohnhaft in und zuständig für Eichenau. Ihnen, ihren Kollegen und den Kirchenvorständen wurde ihnen immer deutlicher: Die Region des Landkreises Fürstenfeldbruck hat die gleiche Struktur, die gleichen Probleme (durch das rasante Wachstum der Region um München) und das gleiche Landratsamt als Verhandlungspartner in vielen Fragen. Was lag da näher, als hier ein eigenes Dekanat zu gründen? Der bisherige Dekanatssitz Weilheim war weit weggerückt. Es verband sie immer weniger mit den Problemen der Voralpengemeinden. So wurde Kontakt aufgenommen mit den Gemeinden aus dem Landkreis, die zum Prodekanat München-West gehörten - Gröbenzell, Germering und Unterpfaffenhofen. Man saß doch im gleichen Boot und sie konnten sich doch einem so einleuchtenden Plan nicht verschließen !

Das Dekanat auf dem Schnittbogen

Aber welcher „Fürst“ tritt schon gern etwas von seinem Territorium ab? Vom damaligen Münchner Dekan Glaser kam deshalb ein Gegenvorschlag: Der Landkreis Fürstenfeldbruck solle zusammen mit den Würmtalgemeinden ein weiteres Münchener Prodekanat bilden; schließlich gehöre man zum Großraum München. Aber weder die Brucker Gemeinden noch das Würmtal wollten sich dem „Moloch München“ einverleiben lassen. Da könnten sie genau so gut in Weilheim bleiben, hieß es damals.

In einigen Verhandlungen mit dem Landeskirchenrat kam dann die heutige Lösung zustande: Zum neuen Dekanat Fürstenfeldbruck sollen die Landkreisgemeinden mit Ausnahme von Gröbenzell, Germering und Unterpfaffenhofen gehören, ebenso das Würmtal von Lochham (Kirchengemeinde Gräfelfing) bis Gauting und schließlich noch die Gemeinden Gilching und Herrsching.

Als Puchheim 1980 selbständig wurde, schloss es sich ebenfalls dem neuen Dekanatsbezirk an. Heute gehören 12 Gemeinden zum Dekanatsbezirk, sechs davon liegen im Landkreis Fürstenfeldbruck, vier im Landkreis Starnberg, zwei im Landkreis München – Land. Alle – außer Puchheim – wurden aus dem Dekanat Weilheim übernommen.

Die Jugend hatte Bedenken gegen die Dekanatsgründung. Sie befürchtete, dass sie den Zugang zum ohnehin ständig überfüllten Kinderzeltlager Lindenbichl am Staffelsee verlieren würde. Viele Gemeindeglieder kommen noch heute ins Schwärmen, wenn sie an Kindertage auf Lindenbichl zurückdenken. Das inzwischen gegründete Dekanatsjugendwerk hat aber nach einiger Zeit im Zeltlager Königsdorf tatsächlich eine Alternative ohne Platzprobleme gefunden.  

Gründerjahre

Am 1.Januar 1977 wurde das Dekanat Fürstenfeldbruck gegründet. Im April des gleichen Jahres trat der erste Dekan, Joachim Beer, seinen Dienst an. Die Konstellation war ideal: Er traf auf profilierte und hochmotivierte Pfarrer, später auch Pfarrerinnen. Sie waren bereit, sich über die eigenen Gemeindegrenzen hinaus zu engagieren und den Austausch zu suchen. Und Dekan Beer traf auf eine Kirchenleitung, die ein offenes Ohr (und auch noch das nötige Geld) für notwendige Aufbaumaßnahmen hatte. Er selbst brachte – wie es Pfr Dr. Höhne einmal treffend formulierte „ein hohes Maß an Wahrnehmungsfähigkeit, Artikulationsvermögen und Leitungswillen“ mit.

„Getröstet“ wurde Joachim Beer damals vom ehemaligen Kreisdekan Georg Lanzenstiel mit den Worten: „Zwei Dinge brauchst Du nicht zu machen: Du brauchst nicht zu bauen und Du brauchst auf lange Sicht keine Pfarrstelle ausschreiben zu lassen, weil alle Pfarrstellen besetzt sind.“ 

Als Dekan Beer nach fast 16 Jahren ging, hatte er nach eigener Schätzung ca. 80 Millionen Mark verbaut. Der größte Brocken dürfte das Altenheim in Olching gewesen sein. 

Zudem war nur noch ein Pfarrer von denen da, die er bei seinem Dienstantritt angetroffen hatte. Aber auch wenn die Pfarrer wechselten: Geblieben ist die hohe Motivation und die große Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

Viele Gemeinden befanden sich in der Aufbauphase. Junge Familien waren zugezogen. Kindergärten waren nötig, Jugendarbeit war gefragt. Aber auch die Senioren wollten nicht vergessen werden. Das alles brauchte eine Infrastruktur: Kirchen, Gemeindehäuser, Kindergärten, Pfarrhäuser und Pfarrämter mussten neu gebaut oder ausgebaut werden. Dekan Beer arbeitete hierbei mit mehreren prominenten Architekten zusammen – zB. Georg und Ingrid Küttinger und Theo Steinhauser. Wachsende Bedeutung bekam die Zusammenarbeit mit dem Grafrather Architekturbüro Hetzel und Drees, dessen Kompetenz und Zuverlässigkeit er besonders schätzen lernte.

„Werke am Wirken“

Zu den Organen eines Dekanatsbezirks gehören auch die „Werke“: Bildungswerk, Diakonisches Werk, Jugendwerk. Anfänge eines Bildungswerks gab es schon vor der Dekanatsgründung. Wegen der damaligen Gesetzeslage war es sinnvoll, die Bildungsarbeit auf Landkreisebene zu organisieren.

Besonderen Aufschwung nahm unter Ägide des ersten Dekans das Diakonische Werk. Hier bewies Beer ungewöhnlichen Wagemut. Das Altenheim Laurentiushaus in Olching wurde mit einem „erbettelten“ Eigenkapital von bescheidenen 107.000,- DM errichtet. Der Rest kam aus öffentlichen Zuschüssen und Krediten. Der ehemalige Bürgermeister Ewald Zachmann erinnert sich, er habe noch nie einen derart präzisen Verhandlungspartner erlebt: Dekan Beer sei erst aufgestanden, als alles bis zum letzten i-Tüpfelchen geklärt und fixiert gewesen war. „Das ist manchmal etwas mühsam gewesen, aber insgesamt war es hilfreich und hat mir sehr imponiert“, erinnert sich Zachmann. Pfarrer Peter Morgenroth konnte ihn und die zuständigen Gremien bewegen, auch noch die Trägerschaft für ein zweites Altenheim, das Haus Elisabeth in Puchheim zu übernehmen. Errichtet wurde es von der politischen Gemeinde. Zu den originellen und modellhaften Neugründungen der Diakonie zählt auch die „Brucker Elternschule“ in Fürstenfeldbruck. Das Diakonische Werk hatte bald eine Größenordnung erreicht, die für ein so junges Dekanat einzigartig sein dürfte.

Viele Knospen und gesunde Wurzeln

Bereits in den letzten Amtsjahren von Dekan Beer flaute die stürmische Bautätigkeit ab. Ein gewisser Sättigungsgrad war erreicht und auch die finanziellen Möglichkeiten von Staat und Kirche schwanden zusehends. Zudem kam der stürmische Zuzug langsam zum Stillstand. Die Zahl der Gemeindeglieder im Dekanat schwankt konstant um 50.000 (aktueller Stand 51.000), trotz einer Austrittsquote von ca. 1 % pro Jahr - ähnlich hoch wie in der Großstadt München. Verluste werden offensichtlich durch Zuzug wettgemacht.

Womit das Dekanat heute kämpft

Die heutigen Probleme sind anderer Art als in den Gründerjahren. Wie halten wir angesichts rückläufiger staatlicher Zuschüsse das Bildungswerk und die diakonischen Einrichtungen am Leben ? Und das möglichst auch noch so, dass sie unseren Qualitätsansprüchen entsprechen?

Manche Kirchengemeinden haben Probleme, finanziell über die Runden zu kommen, obwohl das Kirchensteueraufkommen ihrer Gemeindeglieder ansehnlich ist. Wer ordentlich Steuern zahlt, fühlt sich nicht unbedingt verpflichtet, auch noch größere Spenden zu machen. Die Zuschüsse aus dem „großen Topf“ reichen zum Unterhalt der Einrichtungen und die Arbeit in den Gemeinden aber nicht aus. Und wo die Mittel knapper werden, blüht die Bürokratie: Verhandlungen werden zäher, Vorschriften zahlreicher.

Das soll kein Klagelied sein. Die Gemeinden entwickeln nach wie vor Phantasie und sind rege. Die Kapazität der Gemeindehäuser ist meistens bis zum Äußersten ausgelastet: Es herrscht Leben in ihnen. Man trifft sich im Gottesdienst, hört auf die Bibel, bespricht Lebensfragen, feiert Feste, startet Aktionen, musiziert und bildet sich fort.

Auch der Diakonie ist es gelungen mit dem Kummer- und Elterntelefon, dem Ausbau der Bezirksstelle und der Schwangerenberatung neue Akzente zu setzen. Aber man kann nicht mehr aus dem Vollen schöpfen, sondern muss sorgfältig wirtschaften. Wagemut bedeutet heute oft: Sich von widrigen Umständen und leeren Kassen nicht abschrecken lassen, Neuland zu betreten und Bewährtes weiter zu führen.

Ulrich Finke